Ein Blick hinter die Kulissen
Über die persönliche Motivation der Autoren und ihren eigenen Bezug zum Ostkreuz
»Die 90er-Jahre in diesem Kiez waren für uns Freiheit pur: Wir feierten mit Freunden auf Dächern und im Park, nahmen unseren Müll wieder mit und spürten, wie alles noch irgendwie zusammengehörte..«
Die Filmemacher Laura Geiger & Tom Kretschmer kamen 1996 ans Ostkreuz – in eine 37-Quadratmeter-Wohnung direkt am Bahnhof. Zwei Ost-Berliner, die das (R)ostkreuz jahrelang nur vom eiligen Umsteigen kannten und es nun als lebendigen Organismus lieben lernten.
Auf dem Ostkreuz von damals und in den Straßen drumherum fühlte sich vieles familiär und geborgen an. Der Bahnhof war ein gewachsener Ort – ein Dauerprovisorium mit Patina, das gerade dadurch Seele und Charme entwickelte. Ein Raum, der noch nicht vollständig von Effizienz, Regulation und Überwachung bestimmt war.“
Als klar wurde, dass der Ostkreuz abgerissen und komplett umgebaut werden sollte, beschlossen sie, ihn zu porträtieren und ihm damit ein Denkmal zu setzen. Die Interviews entstanden aus echtem Vertrauen und einer Ehrlichkeit, die heute kaum noch möglich wäre. Die Protagonisten waren Teil eines familiären Geflechts aus Nachbarschaft und Alltag.
Das Filmmaterial aus 2005–2007 zeigt den Kontrast zwischen damals und heute besonders deutlich. Man schaut verwundert und manchmal melancholisch zurück auf eine Zeit, in der Leute noch mit Zeitungen raschelten, Blicke sich trafen und Warten ohne Smartphone stattfand. Heute spürt man beim Betreten des Bahnhofs vor allem Anonymität, Schnelllebigkeit und eine leise Fremdheit.
Unser Material ist längst mehr als ein Film. Es ist ein Zeitdokument, das zeigt, wie anders die Welt vor gerade einmal zwanzig Jahren noch war. Mit „Ostkreuz – Gesichter eines Bahnhofs“ (Re-Arrangement 2026) wird klar: Wir haben nicht nur einen Bahnhof porträtiert, sondern einen Augenblick eingefangen, der im Verschwinden begriffen war. Einen Ort, dessen Einzigartigkeit aus baufälligem Charme und notwendiger Improvisation entstand – und der echte Begegnungen ermöglichte, bevor vieles in Kommerz und Entwurzelung überging.
Es ist kein nostalgischer Rückblick, sondern ein leises, eindringliches Erinnern daran, was wir als Gesellschaft einmal hatten – und was wir vielleicht noch bewahren können, indem wir uns die Geschichten erzählen. Denn Kultur ist nichts anderes als die Erinnerung der Menschheit an sich selbst.
Tom Kretschmer
Tom Kretschmer lernte Fotografie an der FU Berlin und studierte visuelle Kommunikation an der HTW. Er ist der interdisziplinäre Kopf hinter dem Studio »Lieber Analog«. In seinen Arbeiten interpretiert er Zusammenhänge von Ökosystemen, erforscht natürliche Prozesse vertraut dabei dem analogen Prozess, in dem die Natur unberechenbar bleibt. Das Formen mit Licht ist dabei sein essenzielles Ausdrucksmittel. Er ist Teil des Künstlerkollektivs »eastspection.com«, das die rapiden Wandlungsprozesse und die Ambivalenz zwischen materieller Armut und menschlichem Reichtum untersucht.
Laura Geiger
Laura Geiger studierte an der Universität der Künste Berlin. Der Ostkreuz-Film war ihr Diplomprojekt – eine Suche nach wärmenden Kuriositäten mit gesellschaftskritischem Zwickern. Diese Arbeitsweise zieht sich bis heute durch ihre Tätigkeit als Dozentin, Projektleiterin und Beraterin: Neugier und Forschen als Konstante, das Erleben von Verständnis und Berührtheit durch sinnliche Erfahrung und klare visuelle Sprache.