CinePoem. Ein filmisches Portrait über den Bahnhof »Ostkreuz« vor seinem Umbau
Laura Geiger und Tom Kretschmer sind die Macher des Cinepoems „Ostkreuz – Portrait eines Bahnhofs“. Zwischen 2005 und 2007, kurz vor Beginn des großen Umbaus, beobachteten sie das Leben am alten Ostkreuz, sprachen mit den Menschen vor Ort und drehten rund 72 Stunden Filmmaterial. Daraus entstand 2007 der preisgekrönte Kurzfilm „Ostkreuz – Portrait eines Bahnhofs“.
Zwanzig Jahre später sichteten sie das bislang unveröffentlichte Interviewmaterial neu und schufen daraus das Re-Arrangement „Ostkreuz – Gesichter eines Bahnhofs“. Im Rückblick wird deutlich, wie sehr sich die Welt in diesen nur zwei Jahrzehnten verändert hat.
»...weiß ich nicht, wie ich das in Worte fassen soll. Dit is dieset Flair, entweder man hat das Gefühl oder man hat’s nicht. Dit is wie mit der Liebe, wie soll man Liebe erklären. Da lachste... aber dit is im Prinzip datselbe.«
Der Bahnhof Ostkreuz wurde 1882 als „Stralau-Rummelsburg“ eröffnet und zählte damals wie heute zu den wichtigsten Verkehrsknotenpunkten Berlins. Ein ungewöhnlich komplexes und verwinkeltes Ökosystem, das über mehr als 120 Jahre mit provisorischen Lösungen und Kuriositäten gewachsen war, verlieh ihm einen rauen, fast chaotischen Charme. Der Obststand blieb die ganze Nacht geöffnet – auch wenn keine S-Bahn mehr fuhr – und sämtliche Ware wurde per Sackkarre über Treppen transportiert. Im Jahr 2006 existierten am Ostkreuz noch diese informellen, gewachsenen Arbeits- und Lebensformen. Es war eine Welt voller menschlicher Improvisation, persönlicher Begegnungen und direkter Beziehungen.
Wir betrachten den Bahnhof als ein lebendiges Stück Berliner Zeitgeschichte – ein gewachsenes Biotop, das sich über Jahrzehnte an die unterschiedlichsten Zeiten angepasst hatte. Diese Spuren eines ganzen Jahrhunderts haben wir festgehalten: mit Melancholie des Abschieds, sichtbar baufälliger Architektur und dem dringend notwendigen Umbau. Unser Fokus lag dabei vor allem auf den gewachsenen sozialen Strukturen.
OSTKREUZ I · Portrait eines Bahnhofs · 2005 – 2007
Ein CinePoem als sinnliches Erlebnis von Zeit, Raum und Erinnerung. Architektur, Menschen und Jahreszeiten verschmelzen zu einem atmosphärischen Portrait des alten Ostkreuz. Die originalen Klänge des Bahnhofs wurden zu einem dichten Klangteppich verwoben: das Klacken der großen Uhr, das mechanische Umblättern der Anzeigetafeln und die live-on-air Abfertigung der Züge – Geräusche, die es so nie wieder geben wird.
OSTKREUZ II · Gesichter eines Bahnhofs · 2026
Viele Menschen haben den Ostkreuz geprägt. Wir haben mit einigen von ihnen gesprochen: mit Obstverkäufer Karsten, Toilettenfrau Erna und anderen, die jahrelang Instanzen am Bahnhof waren. Sie kannten ihre Stammkundschaft, trösteten, brachten zum Lachen und waren die guten Seelen des Ostkreuz. Sätze wie „Komm ran hier auf'n Meter“ und „Ich werd dir lachen“ hallen nach – und man bleibt mit einem großen Lächeln und einem warmen Gefühl zurück.
»Nee, is doch n häßlicher Bahnhof, alt und unbequem, keine Rolltreppe, kein Fahrstuhl, keine frische Farbe ... an einigen Ecken sieht dit romantisch aus, wo es so grün ist, aber im Prinzip ist der baufällig.«
Ein schnelles Käffchen am Bahnsteig?
Unterstütze uns mit einem buy me a Ko-fi. So können wir weitere Schätze aus dem Archivmaterial heben und zu neuen Filmen verweben. Der nächste Film ist bereits in Planung: »Ostkreuz – Garten Eden« – ein Naturportrait darüber, wie Bäume und Pflanzen den alten Bahnhof wie einen wilden Garten Eden erobert haben.